Aktuelle ökonomische Aussichten

Gewitterwolken über dem Gastgewerbe

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Der ifo-Geschäftsklimaindex rutscht im September 2022 auf 84,3 Punkte. Während die DAX-Konzerne Rekordgewinne einfahren, trübt sich die Stimmung im deutschen Mittelstand weiter ein. Auch Hotels und Restaurants geraten vor allem durch die hohen Energiekosten und die wachsende inflationsbedingte Konsumzurückhaltung der Gäste unter starken Druck. Der DEHOGA begrüßt daher die Verlängerung des reduzierten Mehrwertsteuersatzes von 7 Prozent im Gastgewerbe.

Welche Auswirkungen der gerade beschlossene Doppel-Wumms der Bundesregierung auf die Gas- und Strompreise haben wird, bleibt abzuwarten. Die Politik kuriert die Symptome mit viel frisch "gedruckten" Schulden, die auch noch als Sondervermögen deklariert werden. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Jeder Hotelier und Gastronom muss sich daher mit ökonomischen Themen beschäftigen, hinter die Kulissen blicken und seine Strategie daraufhin anpassen. Hier einige wichtige Entwicklungen.

Gastgewerbe

Bei einer Befragung des DEHOGA Bundesverbandes unter 3.000 gastgewerblichen Betrieben gab fast die Hälfte der Befragten an, dass die Energiekosten auf über 10 Prozent des Umsatzes gestiegen sind. Bei rund 10 Prozent liegt der Wert zwischen 10 und 15 Prozent des Umsatzes, bei knapp 9 Prozent über 20 Prozent. Die höheren Energiekosten schmälern sofort den Gewinn, falls sie nicht als Preissteigerung an die Gäste weitergegeben werden können. Das wird jedoch schwer genug, zumal die Umsätze im Gastgewerbe von Januar bis August 2022 um fast 10 Prozent unter dem Wert aus 2019 liegen. Die Hilferufe der Branchenverbände - auch des DEHOGA - werden daher lauter. Es wird an die Politik appelliert, die Energiekosten kurzfristig in den Griff zu bekommen. Das ist außerhalb der Branche noch wichtig:

Euro fällt und fällt

Der Euro hat seit Anfang des Jahres über 15 Prozent an Wert gegenüber dem US-Dollar verloren. Mittlerweile steht sogar beim Wechselkurs die Null vor dem Komma. Auch gegenüber anderen Währungen wie dem Schweizer Franken, ja sogar gegenüber dem Rubel hat sich der Wert des Euro reduziert. Noch schlimmer sieht die Bilanz des Euro seit seiner Einführung vor 20 Jahren gegenüber Gold aus. Bekam man 2002 noch für einen Euro 0,1 Gramm Gold (1 Unze kostete damals 300 Euro), so erhält man heute bei einem Goldkurs von 1.700 Euro nur noch 0,02 Gramm Gold. Der Wert des Euro hat sich also um über 80 Prozent gegenüber dem Edelmetall verschlechtert. Da Gold seit über 3000 Jahren wertstabil ist (man bekam im alten Rom wie heute für eine Unze Gold einen handgeschneiderten Anzug/Umhang), zeigt sich bei diesem Vergleich der relativen Preise die wahre Inflationsrate. Sie ist höher als uns ein politisch beeinflusster Verbraucherpreisindex, in dem die Wohn- und Energiekosten nicht realitätsnah abgebildet sind, weismachen will. 

FED zieht die Zinssätze an

Aktueller Auslöser der Euroschwäche ist die fünfte Zinserhöhung der US-Notenbank FED (Federal Reserve) in diesem Jahr. Am 22.9. hat sie den Leitzins um 0,75 Prozentpunkte auf 3,25 Prozent angehoben, um die hohe Inflationsrate in den USA von rund 9 Prozent zu bekämpfen. Der ökonomische Mechanismus dahinter ist die Hypothese, dass steigende Zinssätze die Investitionstätigkeit von Unternehmen und Privatpersonen (z. B. Immobilien) bremsen. Dadurch sinken die Nachfrage und dann der Preis. Relevant ist hier auf jeden Fall, dass die Europäische Zentralbank diese Leitzinsanpassung im Euroraum nicht mitmacht. Die EZB hat den Leitzins am 14.9. nach viel Tamtam lediglich auf 1,25 Prozent angehoben. Damit liegt die Zinsdifferenz zwischen dem Euroraum und den USA bei 2 Prozentpunkten. Das ist ein beachtlicher Anreiz, um Euro in Dollar für Anlagen in den USA zu tauschen.

EZB im Dilemma

Um das zu verhindern, müsste die EZB die Zinssätze eigentlich dem US-Niveau angleichen, auch wenn selbst dort noch der Realzins weit im Minus liegt. Das kann sie aber nicht, da dann die hoch verschuldeten südeuropäischen Länder, allen voran Italien und Frankreich, finanziell kollabieren werden. Sie hängen seit vielen Jahren an der Schuldendroge, um ihre mangelnde Wettbewerbsfähigkeit im Eurosystem zu kaschieren. Vor Einführung des Euro konnte jedes Land von Zeit zu Zeit seine Währung abwerten. Mit Einführung des Euro waren die Hart- und Weichwährungsländer jedoch in einem System gefangen. Steigende Sozialausgaben und höhere Löhne wurden im Süden dann über Schulden finanziert. Das war auch lange Jahre preiswert, da die EZB die Zinssätze länderübergreifend auf niedrigstem Niveau nivelliert hat. So war es möglich, dass sich z. B. Griechenland zu besseren Konditionen an den Kapitalmärkten verschulden konnte als die USA. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Ökonomen haben das Problem kommen sehen und schon früh vor der Fehlkonstruktion des Eurosystems gewarnt, das im Nachhinein gesehen ein rein politisches Projekt war und ist.

Das Dilemma der EZB besteht nun darin, dass sie statt einer weiteren Zinsanhebung nun über die Ankäufe speziell von Staatsanleihen der Problemländer weiter „Geld drucken“ muss. Das Programm dazu trägt den trügerischen Titel "TPI (Transmission Protection Instrument)". Damit befeuert sie aber zusätzlich die Inflation im Euroraum. 

Inflation verändert alles

Noch letztes Jahr hat die EZB die Inflation abgestritten. Dann wurde sie nur als temporär deklariert. Heute aber, wo jeder beim täglichen Einkauf die wahre Inflationsrate von weit über 10 Prozent spürt, ist die Show vorbei. Wenn man sieht, dass die deutschen Erzeugerpreise im August um 45,8 Prozent gestiegen sind, dann kann man sich ausmalen, was uns in den nächsten Monaten noch bevorsteht. Top-Ökonom Prof. Hans-Werner Sinn schätzt auf Basis vergangener Daten, dass sich ein Drittel des aktuellen Erzeugerpreisanstiegs mit einer Zeitverzögerung von einigen Monaten als Anstieg in den Verbraucherpreisen wiederfindet.

Bei der hohen Inflationsrate im Euroraum treffen nun der von der EZB vor allem in den letzten drei Jahren geschaffene Geldüberhang von rund 5 Billionen Euro auf ein durch Lockdowns, Lieferkettenstörungen und dem Ukraine-Krieg reduziertes Angebot. Der Wegfall von preiswertem Russengas führt nun dazu, dass teures Fracking-Gas aus den USA eingeführt werden muss (man spricht von bis zu 200 Millionen US-Dollar Gewinn pro Gas-Tankschiff). Dafür werden wieder US-Dollar benötigt, was den Eurokurs weiter drückt.

Stagflation ist nun da

Zu allem Überfluss kommt nun nach der Inflation auch noch eine Rezession hinzu. Deutschland scheint mit seinen hohen Gas- und Strompreisen als Wirtschaftsmotor in Europa besonders betroffen zu sein. Alle Wirtschaftsforscher prognostizieren eine Flaute mit steigenden Insolvenzen und Arbeitslosenzahlen. Möglicherweise aber kann die sich daraus ergebende sinkende Nachfrage die Inflation dämpfen.

Reinigende Gewitter

Wohin geht die Reise in den nächsten Monaten und Jahren wirklich? Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage, die alle gerne heute schon beantwortet hätten. Wenn man sich anschaut, dass vor allem die USA und China aktuell die großen Profiteure der im vollen Gange befindlichen Deindustrialisierung Deutschlands sind, dann wird die Krise vermutlich länger dauern. Es ist zu befürchten, dass viele Mittelständler aus Deutschland verschwinden oder preiswert durch Investoren aufgekauft werden, wie z. B. Steigenberger. 

Aber auch die Bevölkerung wird wohl weiter durch die gleichzeitige Inflation und Rezession leiden. Wo die Schmerzgrenze liegt, bleibt abzuwarten. Für den deutschen Staat ist die Inflation auf jeden Fall ein finanzieller Gewinn, weil sich Schulden entwerten und Steuereinnahmen sprudeln. Dass es am Ende des Tages zu einer großen Währungsreform kommt, ist bei weltweit über 300 Billionen Euro öffentlichen und privaten Schulden nicht auszuschließen. Die meisten Zentralbanken sind aktuell in Probeläufen für digitales Zentralbankgeld (CBDC Central Bank Digital Currency), auch die EZB mit einem digitalen Euro. Wer weiß, vielleicht gibt es sogar einen neuen IWF-Coin (digitales Sonderziehungsrecht) als Weltwährung. Der aktuelle Währungskorb enthält neben dem US-Dollar, Euro, britischen Pfund und Yen seit 2016 auch den chinesischen Renminbi. 

Strategien im Gastgewerbe

Wenn die ökonomischen Risiken steigen, heißt es, sich klein zu machen und sein "Pulver trocken zu halten", es sei denn, man verfügt über eine gut gefüllte "Kriegskasse" für Aufkäufe von maroden Wettbewerbern. Viele im Gastgewerbe gehen tatsächlich auf Nummer sicher, wenn sie Öffnungszeiten reduzieren und Investitioinen zurückstellen. Es ist aber auch jetzt an der Zeit, sein strategisches Konzept zu überdenken. Haben wir die richtige Zielgruppe für die Krisenzeit, die wahrscheinlich länger dauern wird? Wer ist dann noch bereit, sein Geld für Hotels und Restaurants auszugeben?

Eine weitere strategische Frage, die sich jeder immer wieder neu stellen muss: Was ist das Besondere an meinem Angebot? Warum sollen betriebliche und private Gäste ihr knapper werdendes Geld ausgerechnet in unserem Betrieb lassen? Mit durchschnittlichen Leistungen wird man im "heißen" Herbst und Winter jedenfalls keinen Blumentopf gewinnen können. Gefragt sind echte Mehrwerte und ein exzellentes Preis-Leistungsverhältnis. Es heißt mehr denn je: Back to the Basics. Für Schnickschnack wird in der breiten Masse wohl immer weniger Geld ausgegeben.

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