Branchen müssen neu denken

Corona-Disruption

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Die Corona-Pandemie entfaltet in vielen Branchen, die von Social Distancing betroffen sind, eine disruptive Kraft. Disruption ist ein Begriff, der im Silicon Valley bei Technologieunternehmen populär geworden ist. Er kommt vom englischen Wort „to disrupt“ und heißt so viel wie „unterbrechen“. Gemeint ist damit, dass geltende Spielregeln einer Branche z. B. durch digitale Technologien außer Kraft gesetzt und alle Karten neu gemischt werden. So hat z. B. das iPhone bei Einführung vor über 12 Jahren bildlich den Stecker bei klassischen Mobiltelefonen und Digitalkameras gezogen.

Soziale Distanz als Disruptor

Auslöser für Disruptionen sind jetzt nicht digitale Innovationen, sondern die in der Corona-Pandemie angeordneten Öffnungshürden und sozialen Distanzierungen. Sie wirken als exogener Schock und zwingen alle Verantwortlichen von kontaktstarken Branchen wie Einzelhandel, Tagungshotels, Restaurants mit Festsälen, Airlines, Reiseunternehmen, Messewirtschaft, Konzertveranstalter und Sportanbieter zum Neudenken. Gefordert sind kreative Konzepte, wie wir uns zukünftig bewegen, einkaufen, reisen, essen und vergnügen. Die geplanten Geisterspiele in der Bundesliga geben bereits einen Vorgeschmack auf eine mögliche neue Normalität.

Risiken zu hoch, Spaßfaktor gering

Nur die wenigsten werden sich in den nächsten Monaten in enge Flugzeuge, Kreuzfahrtschiffe, Konzertsessel, Kneipen, Stadien und Co-Working-Spaces zwängen oder rummelige Messen, Tagungen und Volksfeste besuchen. Zu groß ist das objektive oder auch nur subjektiv empfundene Risiko der Ansteckung und der freiheitsberaubenden Quarantäne. Außerdem ist der Mundschutz eine Behinderung und Spaßbremse.

Plätze reduzieren und verteilen

Wenn Anbieter ihre Platzkapazitäten drastisch reduzieren müssen, wird sich der Betrieb - so wie bisher konzipiert - nicht mehr rechnen. Billigflieger, Konzerthäuser und Kinos mit enger Bestuhlung haben ihre Kalkulation auf Maximalbelegung ausgelegt. Wenn überall zwei Meter Abstand gelassen und Teilnehmer namentlich registriert werden müssen, steigt gleichzeitig der Aufwand. Gewinne, Triebfeder des unternehmerischen Engagements, rücken dann in weite Ferne. Es müssen daher neue Raum- und Organisationskonzepte gedacht werden. Es ist schlägt nun die Stunde kreativer Raumplaner und Innenarchitekten.

Konzerte mit reduzierten Orchestern in kleinen Räumen, dafür dann im ganztägigen Schichtbetrieb mit unterschiedlichen Ensembles, so könnte ein neuer Live-Betrieb z. B. in Konzerthäusern aussehen. Zusammenkünfte werden ab sofort eher in einem kleineren und exklusiveren Rahmen oder im Freien stattfinden. Konzerte in voller Orchesterbesetzung und Opern mit teuren Bühnenbildern könnten gleichzeitig über Streaming-Plattformen im Abo angeboten werden. Das Prinzip lässt sich übertragen.

Digitale und Live-Erlebnisse im Einklang

Neudenken wird daher ohne Digitalisierung nicht funktionieren. Ticketbuchungen, Einlasskontrollen, das Einnehmen der Plätze, Bestellungen von Pausengetränken und die Zuweisung von Tischen in dezentralen Bistrobereichen können – um das obige Konzertbeispiel fortzusetzen - online und über Apps erfolgen. Auch große Tagungen, Seminare und Meetings werden hybrid werden müssen.

Auch die Corona-Krise hat eine zerstörerische Wirkung, die viele wirtschaftliche Opfer erfordern wird. Sie bietet aber auch eine Chance für viele neue Ideen und kreative Köpfe. Sie beschleunigt auch notwendige Entwicklungen, die bisher nur halbherzig angegangen wurden, wie z. B. Internet-Infrastruktur, kontaktloses Bezahlen, Homeoffice und Videokonferenzen. Einzelne werden verlieren, andere gewinnen, so ist der ewige Gang der Dinge. Nur in der Summe muss es passen.

Dr. Michael A. Peschke

Geschäftsführer BPF Best Practice Forum GmbH

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