Eine Studie von EY-Parthenon im Auftrag der Initiative Cocktail.Kultur.Gesellschaft kommt zum Schluss, dass Bars, Kneipen und Clubs für den sozialen Zusammenhalt und die regionale Wirtschaft zentral sind und durch die Steuerpolitik sowie den Kostenanstieg akut bedroht werden.
Ausgangslage und Ziel der Studie
EY-Parthenon analysiert in der Kurzstudie „Der gesellschaftliche Wert von Bars, Clubs und Kneipen“ die soziale und volkswirtschaftliche Bedeutung der getränkegeprägten Gastronomie in Deutschland. Die Grundlage sind amtliche Statistiken, wissenschaftliche Literatur, Branchendaten und eine ergänzende Befragung von Betrieben. Auftraggeber ist die Initiative Cocktail.Kultur.Gesellschaft, ein Zusammenschluss von Unternehmen und Organisationen der Spirituosen- und Barkulturbranche.
Gesellschaftliche Funktion als „Dritte Orte“
Bars, Kneipen und Clubs werden in der Studie als entscheidende „Dritte Orte“ neben dem Zuhause und Arbeitsplatz beschrieben. Sie bieten niedrigschwellige Räume für die Begegnung, den Austausch und die Teilhabe. Zudem fungieren sie als soziale Ankerpunkte, in denen Nachbarschaft entsteht, Vereinsleben stattfindet und ein demokratischer Diskurs im Alltag gelebt wird. In einer Situation, in der andere öffentliche Begegnungsräume schwinden, verstärkt sich ihre Rolle für die Gemeinschaft, das soziales Vertrauen und die lokale Demokratie.
Ökonomische Kennzahlen und Strukturwandel
Die Getränkegastronomie erzielt 2024 einen Umsatz von über 9,6 Milliarden Euro und umfasst bundesweit mehr als 32.400 Betriebe mit rund 225.000 Beschäftigten. Zwischen 44 und 51 Prozent der Bevölkerung besuchen regelmäßig Gastronomiebetriebe, um primär Getränke zu konsumieren. Gleichzeitig ist ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen: Die Zahl der getränkegeprägten Betriebe sank von 40.794 (2015) auf 32.610 (2024), was einem Rückgang um rund 20 Prozent entspricht, während Insolvenzen seit 2023 wieder deutlich steigen.
Belastungsfaktoren und Steuerpolitik
Die Studie diagnostiziert eine ohnehin angespannte Lage durch steigende Personal-, Energie- und Mietkosten sowie rückläufige Besucherfrequenzen. Eine mögliche Erhöhung der Spirituosensteuer wird als zusätzliche, potenziell existenzgefährdende Belastung gewertet, da höhere Kosten nicht vollständig kompensiert oder an die Gäste weitergegeben werden können. Im Gegensatz zur abgesenkten Mehrwertsteuer auf Speisen bewertet die Studie eine Spirituosensteuererhöhung als Ausdruck inkohärenter Steuerpolitik, weil ausgerechnet zentrale Orte des sozialen Miteinanders fiskalisch unter Druck geraten.
Gesellschaftspolitische Implikationen
Das Kneipensterben hat nicht nur wirtschaftliche, sondern auch erhebliche gesellschaftliche Kosten erzeugt, insbesondere dort, wo soziale Räume ohnehin rar sind. Politische Initiativen wie das geplante „Dorfkneipenprogramm“ in Rheinland-Pfalz sind Beispiele dafür, dass die Bedeutung dieser Orte zunehmend politisch anerkannt wird.


