Angesichts der Energiekrise hat die Bundesregierung vor allem drei zentrale Maßnahmen beschlossen: eine befristete Senkung der Energiesteuer („Tankrabatt“), eine neue Regel, dass Tankstellen die Preise nur einmal täglich erhöhen dürfen, und eine Verschärfung des Kartellrechts gegen missbräuchliche Kraftstoffpreise. Trotzdem bleiben die Benzinpreise hoch. Wie setzen sich die Preise eigentlich zusammen? Wer verdient wirklich?
Deutschland ist spitze
Deutschland liegt aktuell im europäischen und weltweiten Vergleich im oberen Preisfeld, aber nicht an der absoluten Spitze. Innerhalb der EU gehört es zu den teuersten Ländern nach Niederlanden und Dänemark.
- Weltweiter Durchschnittspreis Benzin: ca. 1,21 €/l.
- Österreich, Frankreich, Belgien, Tschechien, Luxemburg und Polen bieten meist niedrigere Literpreise, teils 10–30 Cent günstiger.
- Länder mit deutlich niedrigeren Preisen: USA, Türkei, viele asiatische und südamerikanische Länder, häufig um oder unter 1,20–1,30 €/l.
- Staaten mit noch höheren Preisen als Deutschland: u.a. Monaco, Hongkong, einige skandinavische Länder.
Ölpreis pro Barrel
Rohöl wird an den internationalen Rohstoffmärkten in US-Dollar pro Barrel (Fass) gehandelt. Ein Barrel Rohöl sind rund 159 Liter und kostet rund 110 Dollar, was ungefähr 95 Euro entspricht. Damit kostet ein Liter Rohöl rund 60 Cent.
Rohöl wird in den Medien in den Sorten Brent (Nordseeöl) oder WTI (West Texas Intermediate - US-Öl) publiziert. Wichtig! Diese Preise sind Futures-Preise, also z. B. der Preis für eine Lieferung in sechs Monaten. Der aktuelle Spot-Preis, den man derzeit für eine sofortige Lieferung zahlen muss, liegt deutlich höher. Der Aufschlag (Spread) beträgt bis zu 50 US-Dollar. Der Futures-Preis ist ähnlich wie der Preis für Gold und Silber ein sogenannter "Papierpreis", weil die Erfüllung erst später stattfindet. Damit ist er anders als der Spot-Preis durch Finanzakteure gestaltbar.
Vom Rohöl zum Kraftstoff
Aus dem Rohöl wird in der Raffinerie Benzin, Diesel und andere Produkte. hergestellt. Dazu kommen die Kosten für den Transport und die Margen im Großhandel.
- Rohölwert: ca. 0,60 €/l (aus Schritt 1).
- Transport Rohöl (Tanker, Pipeline etc.): etwa 0,02 €/l.
- Raffineriekosten + Raffineriemarge: etwa 0,08–0,12 €/l.
- Transport/Lagerung des fertigen Benzins + Großhandelsmarge: etwa 0,05–0,10 €/l.
Der Einkaufspreis liegt somit bei 0,70–0,80 €/l. Hinzu kommen jetzt die deutschen Steuern und Abgaben. Konkret: Energiesteuern, CO2-Preis, Umsatzsteuer und kleinere Posten wie die Erdölbevorratungsabgabe (EBV). Sie machen insgesamt rund 60 Prozent aus. Bei 2 Euro pro Liter Benzin sind das 1,20 Euro.
Die 360-Millionen-Euro-Frage
Oft wird vereinfacht gerechnet: Wenn Deutschland rund 60 Milliarden Liter Benzin und Diesel pro Jahr verbraucht, entspricht ein Cent pro Liter etwa 600 Millionen Euro zusätzlichem Umsatz. Bei einem angenommenen Staatsanteil von rund 60 Prozent wären das rechnerisch etwa 360 Millionen Euro. Daher stammt die zugespitzte Aussage: Ein Cent mehr an der Zapfsäule steht für rund 370 Millionen Euro staatlichen Anteil.
Diese Zahl ist als Größenordnung für den staatlichen Anteil am Kraftstoffumsatz verständlich, aber sie darf nicht mit echten automatischen Steuermehreinnahmen verwechselt werden. Denn Energiesteuer und CO₂-Preis steigen nicht automatisch mit jedem Marktpreissprung; sie hängen vor allem an Menge, Satz und Emissionsfaktor. Direkt preisabhängig ist vor allem die Mehrwertsteuer. Steigt der Literpreis marktbedingt um einen Cent, wächst deshalb primär die Mehrwertsteuer, nicht der gesamte Steuerblock.
Die politisch relevante Aussage bleibt dennoch: Hohe Kraftstoffpreise belasten Pendler, Handwerk, Logistik, Landwirtschaft und energieintensive Betriebe sofort. Entlastungen wirken dagegen oft zeitverzögert, befristet oder bürokratisch.
Die Krise kommt erst noch
In Asien ist die durch die Sperrung der Straße von Hormuz ausgelöste Öl- und Gasknappheit schon voll angekommen. Es gibt dort bereits Rationierungen und Anzeichen von Energie-Lockdowns. In Europa wird sich die Krise mit weiteren Preissteigerungen in den nächsten Monaten bemerkbar machen. Die Vorbereitungen darauf laufen bereits, ohne dass darüber in den Mainstream-Medien berichtet wird.
- Die Internationale Energieagentur hat dafür schon den Energy Crisis Policy Response Tracker eingerichtet.
- Die EU hat am 22. April 2026 ein AccelerateEU-Paket vorgestellt. Es ist ein Maßnahmenpaket - oder besser eine Art Toolbox - der Europäischen Kommission zur Stärkung der Energie-Resilienz der EU.


